das olive schiff
Der Weiße Corsa war noch nicht ganz weg, da war schon der Wunsch nach einem neuen Wagen da. Im Kleinanzeigenteil der Zeitung wurde ich fündig: “Kadett 1.3 Car., Bj. 85, 200tkm, bed. fahrb., div. Mängel, TÜV 04/00, VB 400,- Tel. …”. Also nix wie angerufen.
“bed. fahrb.” stellte sich als Kupplungsschaden heraus, “div. Mängel” waren Durchrostungen verschiedener Ausprägung. So, wie die Inuit 15 Worte für Schnee haben, kennt der Opelfahrer etwa 20 Arten Rost. In diesem Fall war von leichtem Flugrost bis zur Gemeinen Gefräßigen Schwäre alles dabei. Letztere vorrangig im Bereich tragender Teile. Der Teppich im Bereich des Fahrersitzes war rausgerissen und in den Kofferraum verfrachtet worden, “da läuft Wasser rein und das schimmelt sonst nur alles”. Klar, mit Loch im Radkasten… TÜV war noch ein knappes halbes Jahr, nur die AU war schon 4 Monate abgelaufen. Das Fahrzeug besaß nämlich einen U-Kat, und mußte damit jedes Jahr zur Untersuchung. Aber nisch middem Komahnder.
Zuallererst hielt der stützpunktnahe Verwerter eine “gut gebrauchte” Kupplung für mich bereit, die er aus einem Container fischte und mir gegen Übereignung eines Zwanzigmarkscheins aushändigte.
Beim Einbauen ebendieser stellten wir fest, daß Spezialwerkzeug nicht das schlechteste ist, wenn man es denn hat. Wir hatten es nicht. Also wie beim seligen Wartburg Motor-Getriebe-Verbindungen gelöst und versucht, den Motor rauszunehmen, was an den mannigfaltigen Anbauteilen scheiterte. Wenigstens ein Stück bekamen wir ihn bewegt, leider platzte die Halterung vom Kühler ab. Das sollte später noch zum Thema werden. Zuerst ging mal die Kupplung da nicht rein.
Das damit beauftragte Autohaus kam dem Wunsch widerwillig nach und wies mich vor Wiederaushändigung des Kadett auf die nichtvorhandene Seetüchtigkeit hin. “Sehen Sie, da fängt der Rost auch schon an!” Spricht es und durchsticht mit dem Kugelschreiber eine Stelle im Bodenblech. Und das sah überall so aus. Die 150 Mark für den Einbau nahmen sie dennoch gern.
Aber hey, der Ofen heizt endlich. 75 Vergaserpferdchen zerren an den Reifen, und katapultieren das doch recht große Vehikel über die Straßen der Stadt. Nur eine mag nicht mitmachen: die Nadel des Kühlwassertemperaturinstrumentes. Sie fordert eine Pause nach der anderen. Hm. Kühlwasser – Kühler – da war doch was? Naja, Risse sind zum Schließen da. Industriemetalldichtpaste galore! Leider aber keine Zeit zum Aushärten.
Die erste große Fahrt sollte mich in eine Gegend führen, die ich nur von der Durchreise kannte und auch nicht anders kennen wollte: Melsungen. Irgendwo im Niemandsland – und mir verreckt die Kiste. Diagnose Riß im Zylinderkopf. Also erstmal hin zum Stützpunkt, Dienste getauscht, am freien Tag mit dem Mietwagen Teile vom freundlichen Verwerter (der von oben) nach Thüringen gebracht, 4 Tage später die Kiste abgeholt. 600 Mark Reparaturkosten. Au.
Danach war Ruhe, weitestgehend. Mal klang die Kiste wie ein alter Käfer, da war wieder die Zündkerze aus dem Krümmer gefallen, die “was-auch-immer-dort–vorher-drin-war” aufgrund des exakt passenden Gewindes ersetzte, Handbremse ging sowieso nie, ein andermal flog bei knapp 200 (im vierten Gang!) der Ölpeilstab aus der Halterung, und das Öl verteilte sich im ganzen Motorraum. Bei schnellen Autobahnkurven gab sich der Kadett seemännisch, er klang wie ein Schiff auf hoher See. Ein einziges Ächzen und Stöhnen. Um den Ölstand zu kontrollieren, reichte ein beherzter Gasstoß, wenn’s hinten rauchte, war noch genug Öl drin. Wenn’s mal nicht reichte, konnte man sich prima eine Zigarette am Krümmer anzünden (das habe ich probiert!)
Im großen und ganzen trotzdem ein äußerst geräumiges Fahrzeug, was unter unrühmlichen Umständen plötzlich von seinem temporären Stellplatz vor der Garage verschwand und ich noch 2000 Mark dafür zahlen sollte. Hier gilt oben zur AU gesagtes.