individualtransportation 1

Herbst 1998. Ich habe gerade mein erstes großes Webprojekt fertiggestellt (die Dateien habe ich zwar noch, werde mich aber hüten, die online zu stellen). Gegen Bezahlung. Die bestand aus einem alten Opel Corsa A 1.0 in weiß.
Nach der Entgegennahme habe ich zuerst ein neues Lenkgetriebe eingebaut. Das Lenkradspiel blieb dummerweise bestehen. Man sagt immer: zwei Finger breit sind ok. Bei dem Wagen war es eine Hand. Auf jeden Fall war jetzt das Lenkrad verkehrtrum, was zu leichten Irritationen während der Fahrt führt. Beim A-Corsa ist das Lenkrad nämlich außermittig und sitzt schräg auf der Lenksäule. Wenn es 180° gedreht montiert ist, verdoppelt sich diese Schrägstellung, und es fährt sich, sagen wir, interessant.

Relativ schnell war das Problem behoben. Aber da gab es noch so viel zu entdecken. Ein anderer Vergaser war mit dabei, hey, den kann man doch mal… und schon war er drauf. Nur mit dem Einstellen wollte es nicht so gehen, mit der Folge, daß die Kiste plötzlich 13 Liter Super plus auf 100 brauchte, bei sehr gemächlicher Fahrweise. Der Auslaßtrakt war auch nicht mehr der neuste, und im Winter, beim Kaltstart mit Choke(!), klang dieses kleine Nähmaschinenmotörchen wie ein ganz großer V8. Das Wischergestänge gab vorrangig im Regen seinen Geist auf und mußte per Hand wieder zusammengesteckt werden, irgendwann kam mal ein neues rein. Die Reifen hatten auch schon bessere Tage gesehen, und für den Winter waren sie unbrauchbar, also mit 185/60R14 (zum Vergleich: drauf gehören 145/60R13) und Babypopo-Pellen durch frisch gefallenen Schnee zum Verwerter. Sah martialisch aus, fuhr sich, gelinde gesagt, verwegen. Einmal Grünphase, um an der Ampel anzufahren.

Das Radio, was ich eingebaut hatte, wurde kurze Zeit später von einer “aus 3-mach-1″-Endstufe ergänzt, die über abenteuerliche Kabelwege angeschlossen war. Was die Radiosicherung zum Schmelzen brachte. Die Überbrückung mit Silberpapier hielt einen tag, dann rauchte es aus dem Kassettenschacht. Zum Glück kam grad die Bafög-Nachzahlung, da ging dann was amtliches rein. Blaupunkt. Mit Vorverstärkeranschlüssen. Die logische Konsequenz war dann eine angepaßte Kofferraumplatte mit einem Subwoofer für die Reserveradmulde. Mit blauem Teppich bezogen, und weil noch so viel davon übrig war, wurde der im ganzen Auto verlegt. In dieser Bauzeit bin ich eine Woche mit einem Bierkasten als Beifahrersitz rumgefahren. Anyway, zum Schluß waren Boden, Himmel und Türen blau, eine Art Anlage drin, und ich stolz wie nur was.

Der weiße Corsa mußte mich dann zur Vaterlandsverteidigung bringen, das waren immer 640km pro Woche. Mit Vierganggetriebe über die Autobahn. Und mit den gnadenlosen 45PS, da war bergauf nix mehr zu holen, wenn kein Schwung da war. Bergab immerhin knapp 180 – mit Radio auf Vollast, dem Motor zuzuhören, tat körperlich weh. Herrlich auch, als mir auf der A7/A5 der Vergaser eingefroren ist, und ich auf der rechten Spur der linken Autobahn mit 20km/h versuchte, den nächsten Rastplatz zu erreichen. Island in the Stream… seitdem hat “schnell dicht auffahren” eine andere Bedeutung. Der eine LKW hat es gerade so geschafft.

Der Motor selbst war vom Konstruktionsprinzip simpel: Ventilantrieb über Stößelstangen, untenliegende Nockenwelle. Die Aktion “Heute wechsle ich mal meine Zylinderkopfdichtung” war deshalb relativ schnell machbar. Man lernt es ja sonst nie. Erkenntnis dabei: Am offenen Ventiltrieb das Ventilspiel einstellen, ist ne Riesensauerei. Zum Glück war ALLES verölt, nicht nur ich (von oben bis unten). Es folgten dann noch Reparaturen wie rechtes Radlager (ach naja, komm, gleich den ganzen Achsschenkel, das geht einfacher), Hauptanschluß Pluspol Batterie (war gebrochen – Gaffa hält die Welt zusammen), Instrumentenbeleuchtung und noch mal ein neuer Reifen, nachdem einer auf der Lauffläche eine nicht unerhebliche Beule bekam. An dem Tag wurde mir bewußt, daß eine Handbremse manchmal nützlich sein kann – der Corsa wollte vom Wagenheber runter und rückwärts den Standstreifen der A4 runterrollen. Den Tankdeckel, der in Erfurt liegenblieb, habe ich erst mal durch Plastikfolie und Gaffa substituiert, und nach zwei Monaten endlich wieder einen richtigen besorgt. Ist schon peinlich, an der Tanke erst das Klebeband abreißen zu müssen, um Das Gute SP reinzufüllen.

Irgendwann kam es, wie es kommen mußte: der TÜV stand vor der Tür. Also zeitlich. Leider waren weder ich, noch der Corsa bereit dafür, und unter großer Trauer ging er den Weg aller Fahrzeuge.